← Zurück zu den Themen

Themen · Forschung

Invisible Woman
Die Datenlücke der Sportwissenschaft

In großen Teilen der Sport- und Trainingsforschung sind Frauen systematisch unterrepräsentiert. Was als „neutrale" Wissenschaft erscheint, beschreibt in vielen Bereichen vor allem den männlichen Körper — mit realen Folgen für Training, Reha und Gesundheit.

Physiologie & Zyklusforschung

Frauenspezifische Faktoren wie Menstruationszyklus, Hormone und Schwangerschaft werden in vielen Studien nicht ausreichend mitgedacht — oder methodisch sogar gezielt „herausgefiltert". Die Konsequenz ist ein lückenhaftes Verständnis weiblicher Belastungsphysiologie. Der Zyklus wird als confounding variable behandelt, statt ihn als Teil der zu untersuchenden Realität zu begreifen.

Carmichael et al. (2021) · Antero et al. (2023)

Der Zyklus als „Störfaktor"

Lange galt der Zyklus als zu komplexe Variable, um sauber zu kontrollieren — also wurden Frauen häufig gar nicht erst in Studiendesigns aufgenommen. Damit wurde ein methodisches Problem zu einem strukturellen: Wir wissen wenig über den weiblichen Körper im Sport, weil wir lange weggesehen haben.

Carmichael et al. (2021) · Antero et al. (2023) · Ronca et al. (2024) · Roffler et al. (2024)

Vielfalt fehlt

Der Großteil der sportwissenschaftlichen Forschung ist westlich-nordlich zentriert. Athletinnen of Color und Athlet:innen aus dem Globalen Süden tauchen in vielen Bereichen kaum auf. Das führt zu einer kulturellen Verzerrung dessen, was wir über Training, Belastung und Gesundheit zu wissen glauben.

Die intersektionale Lücke

Wer über die Gender Data Gap spricht, muss intersektional denken. Repräsentation in der Sport- und Gesundheitsforschung ist nicht für alle Athlet:innen gleich: Studien zeigen, dass insbesondere Frauen und Athletinnen of Color im Globalen Süden in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind. Daraus entsteht ein Wissensbias, der die Übertragbarkeit von Forschungsergebnissen einschränkt.

Mkumbuzi et al. (2021) · Thorpe et al. (2020, Decolonizing sport science) · Henne & Pape (2018) · Human Rights Watch (2020) · Karkazis & Jordan-Young (2018)

Leadership & Wissensproduktion

Frauen sind in Forschungsleitungen, Autorenschaften und sportwissenschaftlichen Gremien unterrepräsentiert. Themen, die Frauen besonders betreffen, werden seltener priorisiert — die Forschung bleibt strukturell männlich zentriert.

Smith et al. (2021) · Bekker et al. (2018)

Sportmedizinische & trainingswissenschaftliche Forschung

Nur etwa ein Drittel der Studienteilnehmenden in der sportmedizinischen und trainingswissenschaftlichen Forschung ist weiblich. Ein Großteil unseres Wissens basiert damit auf männlichen Daten.

  • Trainingspläne orientieren sich an männlichen Referenzwerten.
  • Rehabilitationsprotokolle basieren überwiegend auf männlichen Stichproben.
  • Verletzungsprävention nutzt männliche Vergleichsdaten als Maßstab.

Zhu et al. (2021) · Cowley et al. (2021) · Antero et al. (2023) · Ronca et al. (2024) · Roffler et al. (2024)

Warum das ein Problem ist

Werden physiologische Unterschiede — Hormonhaushalt, Stoffwechsel, Gewebestruktur — ignoriert, riskieren wir ineffektives Training und ein höheres Verletzungsrisiko. Wirkliche Leistung muss auf einer Gesundheit aufbauen, die alle Körper mitdenkt.

„Male Standard"

Der männliche Körper ist in der Sportmedizin und Trainingswissenschaft lange der Referenzpunkt geblieben. Empfehlungen zu Training und Ernährung übernehmen diese Voreinstellung — mit der stillen Annahme, dass sie für alle gleichermaßen gelten. Das wollen wir sichtbar machen und kritisch beleuchten.

Auf Instagram folgen ← Vorheriger Beitrag